Im Herzen von Kontakt

Expedition in eine veränderte Welt – von Joachim Wehnelt


Im Herzen von Kontakt

Kontakt – Freie Alten- und Krankenpflege e. V. – mehr als drei Jahrzehnte
in Bornheim, Nordend & Umgebung

Uhrenvergleich. Es ist Montag, kurz vor 11 Uhr. An der Bornheimer Schwarzburgstraße in Frankfurt am Main läuft ein alter Mann mit einem Stock langsam an Häusern mit verputzten Fassaden vorbei, die rosa und beige angestrichen sind und unter dem Staub der Straße dunkler werden.

Hinter den Gardinen im Erdgeschoß von Haus Nummer 12 schiebt ein junger Mann mit Schwung Stühle an einen Tisch, holt Besteck aus einer Schublade und öffnet das Fenster. Vom Bürgersteig schallt ein „Hallo!“ herein. Sozialpädagoge Dirk Erbe winkt und geht zur Tür. „Herr Ritter ist schon da.“

Es ist wieder Zeit für Kontakt. Bereits zwei Mal habe ich seit der Gründung 1979 über die Freie Alten- und Krankenpflege e. V. geschrieben, zuletzt zu ihrem 15-jährigen Bestehen. Inzwischen leistet der Verein seit mehr als drei Jahrzehnten ambulante Hilfe in Bornheim, Nordend und Umgebung. Das Jubiläum im vergangenen Jahr haben alle ins Land ziehen lassen, als sei nichts geschehen. Das darf nicht sein. Manche Städte haben einen Stadtschreiber, Kontakt hat einen Vereinsschreiber. Pünktlich zum 31. Geburtstag setze ich mich erneut auf die Spuren von Kontakt. Es wird eine Expedition in eine veränderte Welt.

„Im Heim wäre ich zerbrochen“

Herr Ritter kommt langsam mit seinem Stock in den Raum. Wie allen anderen Klienten, die Hilfe, Pflege oder beides brauchen, denen ich auf meiner Reise begegne, gebe ich ihm einen anderen Namen, damit sein Persönlichkeitsrecht gewahrt bleibt. Der schlanke Mann schaut mich mit offenen Augen hinter einer großen Brille an: „Guten Tag!“ Vorsichtig schiebt der 75-jährige einen Stuhl nach hinten und setzt sich an die Tafel. Eigentlich stand heute Grillen im Schrebergarten auf dem Programm von „Montags im Garten“, einem von drei offenen Angeboten für Pflegekunden, doch Wolken kamen dazwischen. Nun treffen sich alle in einem Veranstaltungsraum, den das St. Katharinen- und Weißfrauenstift kostenfrei zur Verfügung stellt. Bald kommen die anderen Pflegekunden, die mit dem VW-Bus von zu Hause abgeholt werden. Herr Ritter geht alleine. Das ist nicht selbstverständlich. „Ich hatte Probleme mit der Lunge“, sagt er. „Ich musste sogar an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden.“

Jeden Tag ist er zu einem Kiosk in der Nähe seiner Wohnung gegangen, um ein Schwätzchen zu halten. Bis zu jenem Tag. Nachdem er zwei Tage lang nicht gekommen war, alarmierte der Besitzer Kontakt e.V. Herr Ritter lag nach einem Schlaganfall verletzt in seiner Wohnung. Als er aus dem Krankenhaus gekommen war und immer gesünder wurde, wohnte er ein paar Tage lang im Pflegeheim. „Das ging einfach nicht“, sagt er und schiebt einen Teller zur Seite. „Ich wäre dort zerbrochen.“ Nun kommt jeden Tag ein Mitarbeiter von Kontakt in seine Wohnung an der Hallgartenstraße und hilft ihm bei der Pflege, zusätzlich kommt zweimal in der Woche jemand zum Einkaufen. „Ich muss in meiner Wohnung sein. Da geht es mir gut.“

Ein Großer unter den Kleinen

Elvi Walther leitet den Pflegedienst. Sie sitzt in einem Büro an der Petterweilstraße, einem von zwei Nebenstellen des Betriebs. Das ist neu seit der Zeit, als ich vor gut 20 Jahren Zivildienst bei Kontakt machte. „Wir sind aus allen Nähten geplatzt“, sagt sie. Unter den 140 Pflegediensten in Frankfurt ist der Verein ein Großer unter den Kleinen geworden.

Wenn am Freitag Abend mal ein Anruf kommt von den Nachbarn oder den Neffen, weil der Müll im Flur auffällt oder ein merkwürdiger Geruch oder ein Klient soll ins Krankenhaus und die Ärzte müssen informiert werden, setzt das Programm „Hilfe- und Pflegevorbereitung“ ein, das vom Stadtgesundheitsamt gefördert wird. „Da haben wir 30 bis 40 Kunden im Jahr.“ Im Winter kommen die Anfragen häufiger – wenn jemand bei Glatteis barfuß läuft, fällt der Hilfsbedarf schneller auf.

Wenn sich Elvi Walther Gedanken über ihr eigenes Leben im Alter macht, denkt die 58-Jährige an ihre Nachbarn. Sie wohnt seit Jahren mit acht anderen Parteien in einem Mehrfamilienhaus. „Wir wollen zusammen alt werden“, sagt sie. „In ein Altenheim würde ich nicht wollen – ich könnte es mir auch gar nicht leisten.“

„Einen Blick für den anderen kriegen“

Heute wird geschnipselt. „Mittwochs anderswo“ ist ein offenes Angebot, das wie „Montags im Garten“ im Rahmen des Frankfurter Programms „Würde im Alter“ gefördert wird. Die Menschen, die Kontakt zu Hause betreut und die an diesem Tag vom ehrenamtlichen Fahrer Helmut mit dem Bus zum Veranstaltungsraum in der Schwarzburgstraße gebracht werden, haben vor allem psychische und soziale Auffälligkeiten. Christine Nanz arbeitet seit 18 Jahren bei Kontakt und betreut sie: „Ich bin ein Fan von der Gruppe.“ Schon bald ist klar, warum.

Auf dem Tisch liegen Brettchen und Messer, drumherum beugen sich Männer und Frauen über das Gemüse und schneiden alles für das gemeinsame Mittagessen. Einzig Herr Weiß nicht, der nach einem Schlaganfall seinen rechten Arm nicht bewegen und kaum noch sprechen kann. Dafür ist er um so munterer und erzählt mit Zeichensprache und einem „Ja, Ja, Ja!“ oder „Nein, nein, nein!“, was ihm wichtig ist. Die Schuhe, die er trägt, gehören dazu: Rote Sneakers. Er hebt einen Fuß. Genau die wollte er haben und dafür ist er mit einem Mitarbeiter von Kontakt stundenlang durch die Stadt gefahren. In Offenbach wurde er fündig. Ist er damit zufrieden? Er lacht und weitet die Augen: „Ja, ja, ja!“

Unterdessen unterhalten sich die anderen darüber, was sie als Kind gerne gelesen haben. Für Frau Tal war es Karl May, Herr Schneider liebte Ivanhoe. Als die Kontakt-Mitarbeiterin den fertig gekochten Eintopf auf den Tisch stellt, nimmt Frau Meyer den Schöpflöffel und gibt für die anderen auf. Alle warten, bis jeder etwas hat.

„Früher hat einfach jeder angefangen“, sagt Christine Nanz, nachdem alle gegangen sind. „Es hat drei Jahre gedauert, bis sich jeder die Namen der anderen merken konnte.“ Beim Abschied wünschten mir viele eine gute Zeit. Das ist Christine Nanz wichtig: „Es geht darum, einen Blick für den anderen zu kriegen.“ Das heißt nicht, dass alles erzählt wird. Als ich Herrn Schneider, den Ivanhoe-Liebhaber, zwischendurch fragte, wie alt er denn sei, sagte er lächelnd: „Ach, lassen Sie mir doch ein paar Geheimnisse.“

Zukunftsmodell „Stichwort | Care“

In den vergangenen Jahren ist Frankfurt immer weiter gewachsen. Es gab mal einen Moment, da stand der Verein selbst vor der Wahl, aus dem Quartier von Bornheim, Nordend und Ostend hinaus zu wachsen und zu expandieren, nach ganz Frankfurt. „Da hat uns damals zum Glück jemand vom Ministerium abgeraten“, sagt Geschäftsführer Stephan Schröter in seinem Büro an der Leibnizstraße. „Dann müssten wir ausschließlich auf das Geld gucken und hätten keine Zeit mehr für Experimente und Projekte.“

Stattdessen legt Kontakt weiterhin wert auf Verbündete: KOMM Ambulante Dienste e. V., die Nachtdienste machen, CeBeef, die Behindertenhilfe leisten, das Hufeland-Haus mit seiner Tagespflege, das Bürgerinstitut mit seinen Projekten und Ehrenamtlichen, sowie die Klinik für Geriatrie. Das Netzwerk unabhängiger Pflegedienstleister, das Kontakt unter „Stichwort | Care“ mit aufbaut, „wird für die Zukunft immer bedeutender werden“, sagt Schröter, der auch Sprecher des Arbeitskreises Ambulante Dienste im Paritätischen Wohlfahrtsverband Hessen ist.

„Einfach aus Freude“

Es ist Donnerstag, Café-Tag für alle, die gerne dabei sein wollen. Hier liegt der Keim von Kontakt. Damit fing alles an. Der Pavillon inmitten eines Häuserkarrées an der Eichwaldstraße ist hell. Ein Luftballon fliegt durch die Luft und senkt sich langsam vor Herrn Albers hinab. Das Gesicht des Herrn hellt sich auf. Seit seiner Kindheit hat er eine Schizophrenie. Meistens schweigt er. Mit einer Hand stößt er sanft den Ballon an. Er landet vor Aika Wolf, der Kontakt-Mitarbeiterin, die das offene Angebot seit 15 Jahren leitet. „Ganz zart, Herr Albers, toll!“, ruft sie.

Damit die Klienten in Gesellschaft bei Kaffee und Kuchen sein können, tragen viele dazu bei: Die Arbeiterwohlfahrt Bornheim stellt den Raum kostenfrei zur Verfügung. Das Sozialamt unterstützt das Cafè im Rahmen der Altenclubförderung mit 8.000,- € im Jahr. Damit alle Kosten wie die für den Bus gedeckt werden können, fließen die gesamten Spenden an den Verein in das offene Angebot.

In der Musikanlage läuft eine Cassette mit alten Schlagern. „Das ist von Richard Tauber!“ ruft Herr Barth. Er sitzt im Rollstuhl. Früher hat er geboxt. Herr von Palitz strahlt und erzählt von seiner Familie, die an der polnisch-russischen Grenze ein Gut hatte: „Meine Familie gehörte zum Hochadel!“ Beim Bingospielen beobachtet er die Runde genau. „Herr Barth ist bestimmt gleich fertig, er guckt so leise!“ Als „Lilli Marleen“ erklingt, singt Frau Schmidt mit. Wir stimmen alle mit ein. Zu Hause versteht ihr Mann oft nicht, dass sie die Alzheimersche Krankheit hat und vieles vergisst. Die alten Lieder sind bei ihr alle noch da. Sie steht auf, geht um den Kaffeetisch, umarmt jeden und gibt jedem einen Kuss. „Einfach aus Freude.“

Da sein

Beim Abschied hängt sie sich bei Maria ein. Die 23-jährige macht eine Ausbildung zur Altenpflegerin, wie drei andere junge Menschen auch. Manche der Pflegeklienten mussten sich erst daran gewöhnen, dass Maria eine dunkle Hautfarbe hat. Mit ihrer Familie floh sie vor dem Bürgerkrieg in Sierra Leone, als sie 11 war. Inzwischen wird sie von Klienten oft mit Küsschen begrüßt. Wie sie mit Menschen in Kontakt kommt, die Demenz haben? „Ich lache viel, manchmal tanze ich mit den Klienten“, sagt sie, als sie wieder vom Bus zurück ist. „Das Wichtigste ist, ich lasse meine Sorgen daheim.“

Da sein. Jeden Tag. Das ist Kontakt heute. Seit mehr als dreißig Jahren. Wie die Mitarbeiter das schaffen? Ich lasse ihnen ein paar Geheimnisse. Ihre Arbeit jedenfalls ändert etwas für Menschen in Bornheim, Nordend und Umgebung.

Print Friendly, PDF & Email